Interview mit Karsten Ellenberg (Kartoffelvielfalt)

 
 
Kartoffelteam: In den ersten Jahren hatten wir bei der Kartoffelaktion nur alte und Bio-Kartoffel-Sorten in den Kartoffelsets. Wir wollten auf die Bewahrung der Schöpfung, der Biodiversität aufmerksam machen.
Dann haben wir festgestellt, dass wir auf dem Markt immer weniger alte und seltene Sorten bekommen konnten. Vielleicht, weil die alten Sorten nicht so resistent sind gegen Kartoffelkrankheiten wie Neuzüchtungen. Wie sehen Sie das?
 
K. Ellenberg: Ja, das ist richtig, man hatte früher andere Kartoffelkrankheiten als heute, andere Viren. Schadorganismen entwickeln sich auch weiter. Beim Menschen ist das Corona-Virus da ein Beispiel.
 
Natürlich ist es wichtig, dass man züchterisch versucht, verschiedene Resistenzen ins Spiel zu bringen. Das dauert länger, aber man hat dann vitalere Sorten. Aber auch früher hat man auch schon Robustheit und allgemeine Vitalität mit reingebracht. Das Bamberger Hörnchen ist da ein Beispiel, die ist sehr vital. Oder auch die „Schwarze Ungarin“.
 
Die alte Sorte „Ackersegen“ kommt zum Beispiel in der heutigen Zeit nicht mehr klar, weil sie zu virusanfällig ist.
Es braucht also eine gewisse Robustheit, die einige alte Sorten haben, andere nicht. Die Neuzucht ist daher schon wichtig für mehr Resistenzen.
 
Kartoffelteam: Wir haben dieses Jahr auch zwei Ihrer Sorten mit im Kartoffelset, die Blaue Anneliese und die Rote Emmalie. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, vielfältige und bunte neue Kartoffelsorten zu züchten?
 
K. Ellenberg: Als Landwirt habe ich damals auch nur die gelben angebaut und kannte nur gelbfleischige Kartoffeln. Dann habe ich in der Kartoffel-Genbank in Groß Lüsewitz recherchiert und mir ein Sortiment zusammenstellen lassen von alten Sorten. Da waren dann zum Beispiel auch blaufleischige Sorten dabei. Und dann habe ich gelernt: Es gibt viele verschiedene Farben, nicht nur von der Schale, sondern auch von der Fleischfarbe und fand es sehr interessant, sie anzubauen, sie zu essen und zu probieren.
 
Ja, das ist einfach Vielfalt – das ist für die Psyche gut –  und natürlich auch für den Anbau. Und es ließ sich sogar verkaufen, sodass wir einen kleinen Markt damit aufbauen konnten. Dann haben wir angefangen, in den 1990er Jahren Kartoffeln zu züchten. Vielfalt war das erste Ziel in der Zucht. So etwas gab es sonst gar nicht zu der Zeit.
 
Kartoffelteam: Neben der bunten Vielfalt Ihrer Sorten fanden wir es auch interessant, dass Sie keine Nachbaugebühren erheben und so den natürlichen Kreislauf von Ernte und Anbau bewahren.
 
Könnten Sie erklären was Nachbaugebühren sind und warum Sie keine erheben?
 
 
K. Ellenberg: Ja, 20 Jahre ist es schon her, dass es ein EU-Gesetz gab und noch gibt, welches es Sortenschutz-Inhabern ermöglicht (z.B. Züchtern) für ihre Sorten eine Nachbaugebühr zu verlangen.
 
Nachbau ist, wenn ein Bauer oder Gärtner zertifiziertes Pflanzgut gekauft und angebaut hat und dann das Erntegut nicht alles als Speise verwendet, sondern einen Teil wieder zur Aussaat verwendet. Das ist dann Nachbau des gekauften Saatguts. (Anmerkung Kartoffelteam: Nachbaugebühren sind nur für die Landwirtschaft relevant, nicht wenn jemand privat Kartoffeln anbaut). 
 
Man hat beim Kauf von Saat- und Pflanzgut eine Züchter-Gebühr bezahlt und damit kann der Züchter sich refinanzieren, er muss ja auch seine Aufwendungen bezahlt bekommen. Deswegen ist Saat- oder Pflanzgut etwas teurer als Konsum-Getreide oder Speisekartoffeln.
 
Seit diesem Gesetz vor über 20 Jahren haben die Lobbyisten der Saatgut-Industrie es EU-weit geschafft, dass sie für den Nachbau eine Gebühr verlangen können. Dies gilt aber auch nur bei Sorten, die einen Sorten-Schutz haben, zum Beispiel bei Kartoffeln für 30 Jahre. Nach diesen 30 Jahren sind die Sorten frei, dann kann sie jeder gebührenfrei anbauen.
 
Manche Züchter, wie wir zum Beispiel, möchten keine Nachbaugebühr erheben. Wir haben jetzt fünf Sorten zugelassen bekommen vom Bundessortenamt und die Gebühr ist freiwillig. Wir möchten uns durch den Verkauf des Pflanzguts refinanzieren. Das Erntegut bleibt beim Bauern oder beim Gärtner.
 
Es ist auch ein bürokratischer Aufwand, die Nachbaugebühr zu verlangen und es gibt bei den Züchtern eine so genannte Saatgut-Treuhandgesellschaft, die das Geld eintreibt. Da gibt es auch Drohbriefe, dass die Landwirte das ausfüllen müssen, sonst wäre es Diebstahl. Das ist einfach nicht die Form, wie man miteinander umgehen sollte.
 
Früher war es so, dass Züchter, Bauern und Vermehrer Hand in Hand gearbeitet haben. Man hat sich beglückwünscht, jeder hat seinen Teil verdient. Heute ist es so, dass die Züchter einfach sehen, wie sie das meiste Geld aus den Bauern rausbekommen. Und letztendlich heißt es, sie brauchen Geld, damit sie gute Sorten züchten können. Weltweit gibt es einen Konkurrenzkampf, damit man auch gute, ertragreiche Sorten hat und nur mit einer refinanzierten Zucht sei das möglich.
 
Wir wissen aber nicht, was der Züchter mit den Nachbaugebühren macht. Ob er sie also privat verwendet oder ob er damit wieder weiterzüchtet. Es gibt keine Möglichkeit, das zu kontrollieren. Und umgekehrt sollen wir Bauern immer total kontrolliert werden und alles preisgeben, transparent sein. Dann sind wir nur noch die Knechte und das darf nicht sein.
 
Das war auch der Grund, warum ich mit dem Züchten angefangen habe: Um eine gewisse Freiheit zu haben. Ich bin nicht der Knecht der Großzüchter. Und das ist schön. Das Wissen über das Züchten muss man auch wiedererlangen. Es ist nicht so einfach, aber es gibt Wege.
 
 
 
 
Kartoffelteam: Was würden Sie unseren Teilnehmenden empfehlen um Vielfalt zu bewahren?
 
K. Ellenberg: Den Markt beleben. Dadurch wird auch mehr angebaut an Vielfalt. Sonst gibt es ja nur mehr Verpackungsvielfalt im Supermarkt, oder? Dabei ist eine Sortenvielfalt wichtig. Bei Äpfeln weiß man das noch und bei Kartoffeln noch ein bisschen. Also ich würde raten, dass man mehr nach Sorten fragt. Und nach der Herkunft natürlich, auch vom Anbau her. Das Einkaufen ist so auch interessanter.
 
Die Schöpfung gibt uns die Vielfalt. Es gibt so viele natürliche Ressourcen genetisch, die wir nur anbauen oder nutzen brauchen. Aber es muss natürlich auch verkauft werden können. Der Verbraucher ist gefragt und somit hilft er dem Anbau der Vielfalt, wenn er die Vielfalt einkauft.