Kartoffeln - Eine Pflanze mit spannender Geschichte - von Dr. Heidi Lorey

Was kaum jemand vermutet: die Kartoffel, eines unserer wichtigsten Grundnahrungsmittel, gehört nicht zu den bei uns heimischen Wildpflanzen. Sie stammt aus Südamerika, wo sie als sehr alte Kulturpflanze und wild hoch in den Bergen der Anden wächst.
 
Das Wissen der Indios 
Vor etwa 8000 Jahren haben die Ureinwohner der heutigen Länder Peru und Chile begonnen, Kartoffeln in Kultur zu nehmen. Durch Auslese entwickelten sie aus den Wildpflanzen mit kleinen Knollen eine Kulturpflanze mit großen Knollen und besserem Ertrag. Archäologen fanden in Ausgrabungen Gegenständen der Inkas, datiert auf 100 vor bis ca. 600 nach Christus, die wie Kartoffel-Knollen geformt waren. Sie zeugen von der Bedeutung der Kartoffel für die Indios. Die Kartoffel wurde von den Indios als Symbol der Fruchtbarkeit verehrt.
 
Gefriergetrocknete Kartoffeln, Chunos, haben die Indios schon vor Tausend Jahren hergestellt. So konnten sie sich mit einem haltbaren Kartoffelprodukt bevorraten
Für die Indios ist die Kartoffel bis heute neben Mais und Bohnen das wichtigste Grundnahrungsmittel. Der Anbau von Kartoffeln macht eine Besiedlung der hohen Bergregionen über 3000 Meter erst möglich. Auch heute werden von den Bauern 50-60 verschiedene Sorten auf einem Feld angebaut. Diese Vielfalt bedeutet Nahrungssicherheit. Auf den Märkten in Peru findet man die Kartoffel noch in einer Vielfalt mit gelben, roten und blauschaligen Knollen.
 
Die Kartoffel reist nach Europa
Die Kartoffel fand erst nach Entdeckung der Neuen Welt im 16. Jahrhundert ihren Weg nach Europa. Spanische Eroberer folgten den Spuren Christoph Kolumbus nach Südamerika. Sie suchten nach „El Dorado“, dem Goldland, raubten Gold- und Silberschätze und brachten es zu ihren Regenten nach Spanien und Portugal. Was jedoch viel wertvoller war als Gold, war die Kartoffel. Die europäischen Seeleute aßen wohl als erste Kartoffeln während der monatelangen Rückreise nach Europa. Sie schätzten die Knollen als Proviant, der Vitamin-C-Gehalt der Knollen verhinderte, dass die Seeleute an Skorbut erkrankten.
 
In Europa begann die Karriere der Kartoffel als schöne Blume
In Spanien und Irland waren Königshäuser und deren Hofbotaniker oder Hofapotheker erste Besitzer der wertvollen Kartoffelpflanzen. Das älteste Herbariums-Stück einer Kartoffelpflanze aus dem Jahre 1596 trägt die Beschriftung von Caspar Bauhin. Er gab der Kartoffel den botanischen Namen Solanum tuberosum. So wurde die Kartoffel als Kuriosität und wertvolles Geschenk von einem Königshof zum anderen gegeben. Sie diente im 17. Jahrhundert keineswegs zum Essen, sondern galt als Rarität und Blume in fürstlichen Gärten.
 
Was der Bauer nicht kennt...
Im 18. Jahrhundert verbreitete sich der Anbau von Kartoffeln auf den Feldern nur langsam. Der Durchbruch in Schlesien und Pommern kam erst unter Friedrich dem Großen. Im Jahre 1744 verfügte er die Verteilung von Pflanzkartoffeln an die Bauern und verfasste den berühmten „Kartoffelbefehl“, Anweisungen zur Kultur, Ernte, Lagerung und Verwendung der neuen Frucht.
Auf der Grabstelle Friedrich des Großen im Potsdamer Park legen auch heute noch Touristen Kartoffeln hin.
 
Der Soldatenkönig hatte die Kartoffel nicht nur als wertvolle Volksnahrung erkannt, sondern auch zur Verpflegung der Soldaten.  Die Durchführung der Dekrete ließ er durch Landdragoner überwachen. Trotzdem war der Erfolg nicht groß. Die Hungersnot und Teuerung der Lebensmittel nach dem Siebenjährigen Krieg (1756-63) bewegten die Menschen eher dazu, Kartoffeln zum Essen anzubauen. Durch wandernde Arbeiter und Handwerker gelangte die Kartoffel in die verschiedenen Regionen Deutschlands. Die Welternte heute an Kartoffeln von über 380 Millionen Tonnen ist mehr wert als alles Gold der Welt.